Was macht eine gemeinsame Schulvision aus – und weshalb ist sie in einer zunehmend komplexen EdTech-Landschaft entscheidend?

In der Tat ist es äusserst zentral, dass Schulen sich klare Visionen setzen, um sich weiterzuentwickeln. Auch ohne klare Visionen können zahlreiche Entwicklungen stattfinden, die jedoch nicht ausreichend reflektiert sind. Ich bin der Meinung, dass es ohne eine kollektive Ausarbeitung von Schulvisionen schwierig ist, eine gemeinsame Zielsetzung zu definieren. Welche Ziele verfolgen wir als Schule? Welche Aspekte sind für unsere Schule wichtig? Ausgehend von dieser Perspektive sollte die Frage gestellt werden, in welchen Fällen der Einsatz von EdTech sinnvoll ist und in welchen nicht. Oft hat man den Eindruck, dass mehr auch besser ist, doch meiner Erfahrung nach gibt es viele Beispiele, bei denen der Einsatz von EdTech nicht empfehlenswert ist.

Ohne eine solche Vision laufen Schulen die Gefahr, immer nur reaktiv zu agieren, indem sie neue Bildungstechnologien entweder blind annehmen oder komplett ablehnen. Wenn Schulen kollektiv darüber nachdenken, welche Ziele sie erreichen wollen und wie sie diese gestalten möchten, schaffen sie die Grundlage für eine bewusste und zielgerichtete Anwendung von EdTech. Die Zeit, die zu Beginn in die Ausarbeitung dieser gemeinsamen Vision investiert wurde, ermöglicht es Schulen, nachher tatsächlich einfacher und schneller zu arbeiten, wenn sie mit immer neueren und zahlreicheren Technologien konfrontiert werden. Diese gemeinsame Vision ist wie ein Leuchtturm, der uns in jeder Situation den Weg weist: Unabhängig von den Umständen wissen wir, wie wir vorgehen müssen.

Viele Schulen stehen unter dem Druck, auf immer neue EdTech-Entwicklungen schnell reagieren zu müssen. Wie können Schulleitungen und Lehrpersonen zwischen berechtigter Innovationsbereitschaft und strategischer Zurückhaltung unterscheiden?

Ich bin davon überzeugt, dass dieser Druck nur dann entsteht, wenn Schulen keine gemeinsame Vision haben. Bei der Festlegung einer kollektiven Vision lauten die leitenden Fragen dieses Prozesses nicht mehr, ob Innovation oder Zurückhaltung angesagt ist. Die zentrale Frage betrifft die strategische Steuerung: Was macht für unsere Schule, unsere Schülerinnen und Schüler und unseren Kontext Sinn? Dies ist wichtig, da Innovation nutzlos wird, wenn sie zum Selbstzweck wird. Wenn man darüber nachdenkt, was im spezifischen Kontext von Schulen pädagogisch sinnvoll ist, können neue Technologien entwickelt werden, die konkret neue Möglichkeiten schaffen. In diesem Sinne bedeutet Innovation für mich nicht, immer mehr zu tun, sondern EdTech pflichtbewusst auszuwählen und an dem Ort und zu dem Zeitpunkt zu nutzen, wo es tatsächlich hilfreich ist.

«  Diese gemeinsame Vision ist wie ein Leuchtturm, der uns in jeder Situation den Weg weist: Unabhängig von den Umständen wissen wir, wie wir vorgehen müssen.  »

Im Zentrum des SMASCH-Projekts steht die Frage, wie Schulen ihre Handlungsfähigkeit und pädagogische Autonomie in einer zunehmend digitalisierten Welt stärken können. Wie hängen diese beiden Konzepte für Sie mit digitaler Selbstbestimmung und digitaler Souveränität zusammen?

Autonomie (oder gleichbedeutend Selbstbestimmung) bedeutet nicht, auf sich allein gestellt zu sein oder sich allein im digitalen Raum zurechtfinden zu müssen. Sie bedeutet, dass man sich mit Umständen und Ereignissen, die einen beeinflussen, auseinandersetzen kann und somit handlungsfähig ist. Dank einer klaren Vision von den Zielen, die wir als Schule kollektiv erreichen wollen, sind die einzelnen Personen in der Lage, sich auf die ständigen Entwicklungen im Bildungswesen einzustellen.

Andererseits ist digitale Souveränität ein Konzept, das sich mit den politischen und rechtlichen Aspekten der Autonomie befasst. Im Vergleich zur sehr dynamischen Welt der Schule ist digitale Souveränität eher statisch und unterscheidet sich von den pädagogischen Bedürfnissen der Lehrkräfte sowie der Schülerinnen und Schüler nach Autonomie. Für mich ist es wichtig, genau diesen Unterschied zu verstehen und die beiden Begriffe voneinander abzugrenzen.

SMASCH II

In seinem Atelier an der Fachtagung Educa26 hat Prof. Dr. Mathias Decypere in Zusammenarbeit mit Dr. Toon Tierens die Bedeutung einer gemeinsamen Vision für die gesamte Schule in der dynamischen EdTech-Landschaft aufgezeigt. In diesem Workshop stellten die Forscher das Projekt SMASCH II als Fallstudie vor. Ziel des Projekts ist es, eine transnationale Schulentwicklungsplattform und Orientierungsinstrumente für Schulentwicklung in der Digitalität zu entwickeln. Der Fokus liegt dabei auf transnationaler Zusammenarbeit und dem grenzüberschreitenden Wissens- und Erfahrungs-austausch für einen reflexiven Umgang mit Digitalität.

Welche Rolle können Pädagogische ICT Supporter (PICTS) dabei übernehmen, Schulen beim Aufbau von KI-Kompetenzen zu unterstützen und eine pädagogisch fundierte Auseinandersetzung mit neuen Technologien zu fördern? Was braucht es für Rahmenbedingungen seitens Bildungspolitik?

Zuerst ist es wichtig zu betonen, dass wir in der Schweiz glücklich darüber sein können, eine Funktion wie die PICTS zu haben. In vielen anderen europäischen Ländern gibt es zwar vergleichbare Funktionen wie ICT-Koordinatoren, doch selten so strukturiert – mit einem eigenen zertifizierten Ausbildungsgang, kantonalen Vorgaben zu Ressourcen und einer klaren Trennung von pädagogischem und technischem Support –, wie es in der Schweiz der Fall ist, obwohl ich diese Initiative für sehr wichtig im Bildungsbereich halte. Die Rolle, die PICTS beim Aufbau digitaler und KI-Kompetenzen an Schulen übernimmt ist vielfältig – und genau darin liegt ihre Stärke. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist ganz klar die Erweiterung des Wissens darüber, was diese neuen Technologien sind und wie sie funktionieren. Anschliessend befassen sie sich damit, welche Bedeutung dieses Wissens für die Bildung hat. Allerdings neigen digitale Bildungstechnologien dazu, das Lehren und Lernen zu individualisieren. Die Möglichkeit, das Lernen individuell anzupassen, ist sicherlich von Vorteil. Dennoch sollen die PICTS den stark sozialen Aspekt der Bildung nicht aus den Augen verlieren. Ein weiterer Aspekt, den sie berücksichtigen sollen, ist die ökologische Nachhaltigkeit neuer Technologien: Zu wissen, wie beispielsweise KI funktioniert, bedeutet auch, ihre schädlichen Auswirkungen auf die Umwelt zu kennen.

All diese Perspektiven stellen den Mehrwert dar, den die PICTS durch ihre Mitwirkung am Aufbau der zuvor erwähnten gemeinsamen Vision beitragen können, ebenso wie die Fähigkeit, nicht nur Chancen, sondern auch Herausforderungen oder Gefahren zu erkennen, denen die Schulen ausgesetzt sind. Genau diese Sensibilität für Bedrohungen ist es, die die Bildungspolitik im Diskurs über die «Big Tech» benötigt. Bei der Entwicklung einer gemeinsamen Vision muss sich auch die Politik die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, dass Schulen von grossen internationalen Unternehmen zunehmend abhängig sind, und ob es nicht besser geeignete lokale Lösungen gibt, oder diese entwickelt werden müssen. In diesem Sinne muss sich auch die Politik fragen: Welche Art von Bildung wollen wir gestalten? Mein Fazit ist, dass hybride Rollen wie die des PICTs sicherlich nützlich sind, aber bei der gemeinsamen Entwicklung einer Schulvision müssen alle mitwirken. Die aktive Teilhabe aller beteiligten Akteure ist daher von entscheidender Bedeutung, um zu verhindern, dass die Verantwortung unverhältnismässig stark auf einzelne Akteure wie die PICTS oder Lehrpersonen abgewälzt wird.

Mathias Decuypere Interview 2

Sie betonen, dass demokratische, pädagogische und ökologische Werte den Ausgangspunkt einer digitalen Schulentwicklung bilden sollten. Wie könnte eine Schule der Zukunft aussehen, die ihre digitale Transformation konsequent an solchen Werten ausrichtet?

Idealerweise nimmt eine demokratisch ausgerichtete Schule ihre Pflicht ernst, den Schülerinnen und Schülern zu erklären, dass digitale Technologien nicht nur Technik, sondern in einen breiteren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kontext eingebettet sind. Diese Erklärungspflicht zieht sich auch über das Thema der Ökologie: In Zukunft sollte viel stärker betont werden, dass jede Technologie, die wir nutzen, potenziell schädliche Auswirkungen auf die Umwelt haben kann. Die demokratischen und ökologischen Aspekte basieren auf der gleichen pädagogischen Voraussetzung: Digitale Bildungstechnologien sind nicht nur ein Werkzeug der Bildung, sondern bringen auch eine klare Stellungnahme darüber mit sich, was gutes Lehren und Lernen ist. Wenn man eine Plattform oder App verwendet, ist man einer spezifischen Lehr- und Lerntheorie ausgesetzt. In diesem Sinne gewinnt die kollektive Vision noch mehr an Gewicht, da sie es ermöglicht, nicht nur zu erklären, sondern auch deutlich zu zeigen, warum ein bestimmtes Werkzeug gegenüber einem anderen verwendet wird und welche konkreten Konsequenzen diese Entscheidung hat.

Das neue Educa Dossier

Begleitend zu unserer Fachtagung haben wir unser neues Dossier «Schule mit EdTech entwickeln» veröffentlicht, um einen Überblick über das vielfältige Themenfeld der EdTech zu bieten. Die verschiedenen Kapitel beleuchten die unterschiedlichen Facetten, die die Dynamik der Bildungstechnologien ausprägen. Dabei werden die Rolle des Individuums und anderer Akteure, die Dynamiken des Schweizer EdTech-Markts sowie das Spannungsfeld zwischen den Werten und Vorgaben der öffentlich-rechtlichen Bildung und dem wirtschaftlichen und organisatorischen Ökosystem rund um Technologien beleuchtet. Wir zeigen auf, mit welchen Handlungsansätzen Innovation in einem digitalen Bildungsraum entstehen kann, die den Werten und Vorgaben des öffentlich-rechtlichen Bildungssystems entspricht.