Die digitale Schweiz erhält zwei neue, prägende Akteure: die e-ID und die dazugehörige Vertrauensinfrastruktur. Für den Bildungsraum eröffnet dies ein Handlungsfeld, das über die bisherigen Diskussionen hinausgeht. Wir stehen an der Schwelle einer Entwicklung, welche digitale Identitäten nicht mehr primär als Zugangswerkzeug («Login»), sondern zunehmend als Trägerin von Kompetenzen und Nachweisen begreift.
Abgrenzung zu bestehenden Lösungen
In der aktuellen Debatte wird die staatliche e-ID oft vorschnell in eine Reihe mit Behördenlösungen wie AGOV oder anderen Login-Diensten gestellt. Diese Sichtweise greift jedoch zu kurz und verkennt das eigentliche Potenzial. Die e-ID ist konzeptionell kein «neuer Benutzername» für den täglichen Unterricht, sondern das digitale Pendant zum physischen Ausweis. Die Nutzung als Loginfaktor ist eher zweitrangig.
Die e-ID bietet die Möglichkeit, eine Basisidentität zu schaffen, die staatlich verifiziert ist. Sie beantwortet die Frage «Wer ist diese Person?» mit höchster Verlässlichkeit. Doch eine e-ID allein weiss noch nicht, ob diese Person ein Gymnasium besucht, an einer Hochschule immatrikuliert oder eine Lehrperson ist. Hier beginnt der Raum für die bestehenden Bildungsidentitäten.
AGOV ist das Behörden-Login der Schweiz. Seit Beginn 2024 steht AGOV in ersten Behörden-Applikationen als Authentifizierungsdienst zur Verfügung. Im Gegensatz zu Vorgängerlösungen ist AGOV auch auf Kantons- und Gemeindeebene einsetzbar.
Mit der Einführung der e-ID soll die Nutzung von AGOV dereinst noch einfacher gestaltet werden. Beispielsweise soll die e-ID als Loginfaktor zu AGOV genutzt werden können. Zudem kann die e-ID ganz grundsätzlich dazu verwendet werden den AGOV-Account mit verifizierten Identitätsdaten anzureichern. Somit wären Identitätsabklärungen vor Ort oftmals nicht mehr nötig und genutzte Web-Applikation der Behörden haben die Sicherheit, tatsächlich mit einer bestimmten Person zu interagieren.
Szenarien im Bildungssystem können wie folgt aussehen: Während Edulog im pädagogischen Alltag zum Zug kommt, so wird AGOV wahrscheinlich auch im Bildungssystem zunehmende Verbreitung finden, sobald es um die Interaktion zwischen Individuen und Bildungsbehörden geht. Wenn zum Beispiel Erziehungsberechtigte Behördengänge betreffend schulischen Fragen auf digitalem Wege durchführen möchten oder Lehrpersonen sich auf anstellungsrelevanten Behördenportalen anmelden möchten.
Das Szenario der Koexistenz: Schlüssel und Portfolio
Die Zukunft der digitalen Identität im Bildungsraum liegt vermutlich nicht in der Ablösung bewährter Systeme, sondern in deren anschlussfähigen Erweiterung. Wir können uns dieses Zusammenspiel mit dem Bild von «Schlüssel» und «Portfolio» vorstellen:
Der Schlüssel (Access): Föderierte Systeme wie Edulog oder Switch edu-ID fungieren heute als effiziente Schlüsselbunde. Sie ermöglichen den Zugang zu Lernplattformen, Cloud-Diensten und geschützten Inhalten. Für den schulischen Alltag, der auf Klassenverbänden und Rollen (Lehrperson/Lernende) basiert, bleiben solche Systeme voraussichtlich unverzichtbar. Sie bieten den nötigen Komfort und Datenschutz für die tägliche Arbeit.
Das Portfolio (Assets): Mit der neuen Vertrauensinfrastruktur entsteht die Möglichkeit für ein persönliches Portfolio. Anstatt dass Daten nur in den Silos der Institutionen liegen, könnten digitale Bildungsnachweise – vom Zeugnis bis zur Maturität – direkt in einem persönlichen Wallet abgelegt werden. Diese Nachweise wären nicht mehr nur ein «Zugangsrecht» für die Zeit der jeweiligen Schulzugehörigkeit, sondern dauerhafter digitaler Besitz der Schülerinnen und Schüler. Da im selben Wallet auch die e-ID abgelegt ist, kann diese bei Bedarf als Basisidentität hinzugezogen werden.
Die drei Komponenten der Identitätslandschaft
Ein hybrides Ökosystem als Chance
Da die e-ID also mehrheitlich als zusätzlich Werkzeug verstanden werden kann, ist nicht von einem abrupten Systemwechsel auszugehen. Viel mehr zeichnet sich ein hybrides Szenario ab, in dem die Stärken beider Welten kombiniert werden könnten:
- Sicheres Onboarding: Die e-ID könnte künftig genutzt werden, um die Erstellung von Bildungsidentitäten (z.B. Eintritt in eine neue Schule) zu vereinfachen und sicherer zu machen, ohne dass ein Vorweisen eines physischen Ausweises nötig ist.
- Verifizierbare Nachweise: Bildungsinstitutionen könnten die staatliche Vertrauensinfrastruktur nutzen, um als vertrauenswürdige Aussteller aufzutreten. Ein Zeugnis wäre dann nicht mehr nur ein PDF, sondern auch in Form eines fälschungssicheren Datensatz verfügbar, den eine Person ein Leben lang nutzen können.
Weitere Informationen s. «Maturitätszeugnis als digitaler Nachweis» - Internationale Anschlussfähigkeit: Da die Schweiz Standards anstrebt, die mit der europäischen EUDI-Wallet kompatibel sind, eröffnet sich die Perspektive, dass Schweizer Bildungsabschlüsse künftig vermehrt auch international digital vorgewiesen werden können.
Fazit: Identitäten gestalten
Die Einführung der e-ID ist keine technische Zwangsläufigkeit, die bestehende Lösungen wie Edulog oder Switch edu-ID konkurrenziert. Sie ist vielmehr ein Angebot an den Bildungsraum, das Identitätsmanagement neu zu denken: Weg von der reinen Zugangsverwaltung, hin zu einem nutzerzentrierten Ökosystem, in dem der «Schlüssel» für den Zugang und das «Portfolio» für den Weg durch die Bildungslandschaft nahtlos ineinandergreifen. Neben den Vorteilen auf Seiten der einzelnen Personen sind auf der Ebene von Institutionen eine Mehrzahl Vorteilen zu verorten. Bestehende Prozesse können vereinfacht oder gar automatisiert werden.
Zu beachten gilt jedoch, dass eine altersgerechte und angemessene Balance dieser Möglichkeiten genutzt wird. Während in der Grundstufe für die Basisidentität und digitale Nachweise tendenziell wenig Anwendungsfälle bestehen, so tauchen diese mit fortschreitendem Bildungsweg immer häufiger auf. Weiter besteht die Prämisse, dass analoge Teilhabe an Prozessen und analoge Nachweise nach wie vor möglich sein soll. Dies leitet sich einerseits aus der Freiwilligkeit der e-ID per se ab und dem Umstand, dass Kinder sowie Jugendliche erst mit zunehmendem Alter vermehrt über (elektronische) Ausweisdokumente verfügen. Zudem gesellen sich noch förmliche Vorlieben dazu, denn schlussendlich ist ein gerahmtes, klassisches Diplom an der Wand schmucker als der ausgedruckte Quelltext des korrespondierenden digital verifizierbaren Nachweises.